Ratgeber Einzelsetting
Einzelpädagogische Maßnahmen für Jugendliche
Wenn Gruppen nicht passen und Hilfen immer wieder gewechselt haben, kann ein sehr individueller Rahmen sinnvoll sein. Hier steht, was einzelpädagogische Maßnahmen für Jugendliche ausmacht, was ein 1:1-Setting wirklich bedeutet und wo seine Grenzen liegen.

Drei Begriffe, sauber sortiert
Im Alltag werden mehrere Begriffe fast gleich verwendet. Für Familien und auch für Fachkräfte lohnt es sich, sie auseinanderzuhalten:
- Individualpädagogik ist der fachliche Oberbegriff für Hilfen, die konsequent vom einzelnen jungen Menschen aus gedacht werden und nicht von einer Gruppe.
- Eine einzelpädagogische Maßnahme ist eine konkrete Hilfe, in der ein junger Mensch einzeln betreut wird, häufig mit einem eigenen Wohnrahmen. Eine eigene Gesetzesnorm mit diesem Namen gibt es nicht. Umgesetzt wird sie über die Hilfen zur Erziehung.
- Die intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung, kurz ISE, ist dagegen ein Begriff aus dem Gesetz. Sie ist in § 35 SGB VIII geregelt.
Im folgenden geht es vor allem um stationäre einzelpädagogische Maßnahmen, also um Settings, in denen ein Jugendlicher allein in einer betreuten Wohneinheit lebt. Eine knappe Definition der ISE steht im Glossar unter intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung.
Der rechtliche Rahmen: § 34 und § 35
§ 34 SGB VIII regelt die Hilfe zur Erziehung in einer Einrichtung über Tag und Nacht oder in einer sonstigen betreuten Wohnform. Lebt ein Jugendlicher in einer eigenen, pädagogisch betreuten Wohneinheit, ist das in der Regel eine solche Wohnform.
§ 35 SGB VIII regelt die intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung. Sie soll Jugendlichen gewährt werden, die einer intensiven Unterstützung zur sozialen Integration und zu einer eigenverantwortlichen Lebensführung bedürfen. Die Hilfe ist in der Regel auf längere Zeit angelegt und soll den individuellen Bedürfnissen des Jugendlichen Rechnung tragen. Wo sie stattfindet, legt das Gesetz nicht fest. ISE kann ambulant laufen, etwa wenn ein Jugendlicher in einer eigenen Wohnung begleitet wird, oder Teil eines Wohnrahmens sein. ISE ist also nicht automatisch stationär.
In der Praxis werden beide Paragraphen oft verbunden: Der Wohnrahmen beruht auf § 34, die sehr enge Einzelbegleitung entspricht der ISE nach § 35. Welche Grundlage im Einzelfall gilt, legt das Jugendamt fest, und das hat Folgen für Hilfeplanung und Finanzierung.
Häufig verwechselt wird § 35a SGB VIII. Er regelt die Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche mit seelischer Behinderung oder drohender seelischer Behinderung. Das ist eine eigene Leistung mit eigenen Voraussetzungen, zu denen unter anderem eine ärztliche oder psychotherapeutische Stellungnahme gehört. Die Wortlaute stehen bei § 35 SGB VIII, öffnet einen neuen Tab und § 35a SGB VIII, öffnet einen neuen Tab auf gesetze-im-internet.de.
Was 1:1 wirklich bedeutet
1:1 klingt so, als würde eine einzelne Person einen Jugendlichen rund um die Uhr betreuen. Das ist nicht gemeint, und es wäre auch nicht gut. Gemeint ist ein Betreuungsverhältnis: Die anwesende Fachkraft ist für einen Jugendlichen da und nicht für eine ganze Gruppe. Damit das über Tage, Nächte und Wochenenden trägt braucht es drei Ebenen:
- Die Bezugsbetreuung: eine feste Person, die den Überblick behält, wichtige Termine begleitet und Kontakt zu Schule, Familie und Jugendamt hält.
- Das Team: mehrere Fachkräfte, die sich im Schichtdienst abwechseln, nach gemeinsamen Absprachen arbeiten und sich sorgfältig übergeben.
- Leitung und Fachberatung: Sie begleiten das Team, werten schwierige Situationen aus und entscheiden in Krisen mit.
Wechselnde Gesichter lassen sich in einem Schichtsystem nicht vermeiden. Das wichtigste ist, dass alle im Team dieselbe Linie verfolgen. Für den Jugendlichen soll sich der Alltag verlässlich anfühlen, auch wenn verschiedene Menschen im Dienst sind. Was eine Bezugsperson leistet und was nicht, erklärt das Glossar unter Bezugsbetreuung.
Für wen ein Einzelsetting passen kann
Ein Einzelsetting ist keine Steigerungsstufe nach dem Motto „wenn gar nichts mehr geht“. Es ist eine Antwort auf bestimmte Situationen. Passen kann es zum Beispiel, wenn
- mehrere Hilfen, oft in Gruppen, nicht getragen haben und jeder Wechsel neues Misstrauen ausgelöst hat,
- ein Jugendlicher in Gruppen dauerhaft überfordert ist, sich zurückzieht oder immer wieder in Konflikte gerät,
- viel Ruhe, eine klare Struktur und eine verlässliche Beziehung nötig sind, um überhaupt wieder Vertrauen zu fassen,
- Schule, Alltag und Beziehungen gleichzeitig ins Wanken geraten sind und eine enge Begleitung gebraucht wird.
Ein Einzelsetting ist keine Psychotherapie, keine Klinik und keine geschlossene Unterbringung. Steht eine psychiatrische Behandlung im Vordergrund, gehört sie in die Hände einer Klinik. Pädagogische Begleitung und Therapie können sich ergänzen, ersetzen einander aber nicht. Ein Einzelsetting ist auch keine Notaufnahme, die jederzeit kurzfristig zur Verfügung steht. Wie es nach mehreren abgebrochenen Hilfen weitergehen kann, beschreibt der Ratgeber Jugendhilfe nach Hilfeabbrüchen.
Beziehung zuerst, Struktur mit Augenmaß
Am Anfang steht selten ein Plan mit zehn Zielen. Am Anfang steht die Frage, ob ein Jugendlicher den Erwachsenen um sich herum vertrauen kann. Viele haben erlebt, dass Menschen gehen wenn es schwierig wird. Beziehungsarbeit heißt deshalb: da bleiben, ehrlich sein, auch kleine Absprachen halten und Grenzen setzen, ohne die Beziehung aufzukündigen.
Konflikte gehören dazu. Deeskalation bedeutet, Spannungen früh zu erkennen und so zu reagieren, dass sie nicht weiter wachsen: Abstand anbieten, ruhig bleiben, ein Gespräch später neu beginnen. Für schwierige Situationen gibt es einen abgestimmten Krisenplan, der mit dem Jugendlichen besprochen wird. Eine Garantie, dass es nie eskaliert, gibt es nicht. Ziel ist ein Rahmen, der eine Krise möglichst aushält und im nachhinein gemeinsam auswertet, was geholfen hat.
Ein Tag im Einzelsetting: ein Beispiel
Das folgende Beispiel zeigt, wie ein Tag aussehen kann. Der tatsächliche Ablauf wird für jeden Jugendlichen einzeln abgestimmt.
| Zeit | Was passiert |
|---|---|
| 7:00 Uhr | Aufstehen mit Unterstützung, gemeinsames Frühstück, kurzer Blick auf den Tag |
| 8:00 Uhr | Schule, anfangs vielleicht nur für zwei Stunden und mit Begleitung auf dem Weg |
| 12:30 Uhr | Mittagessen und ein kurzer Rückblick: Was lief gut, was war schwer? |
| 14:00 Uhr | Lernzeit oder ein Termin, etwa beim Arzt, im Jugendamt oder im Sportverein |
| 16:00 Uhr | Freizeit, gemeinsam oder allein, Kontakte zu Freunden nach Absprache |
| 18:00 Uhr | Zusammen kochen und den Wochenplan anschauen |
| 21:30 Uhr | Ruhige Phase, Übergabe an den Nachtdienst |
Viele Jugendliche kommen mit einem Rhythmus an, der mit Schule wenig zu tun hat. Dann geht es zuerst um kleine Schritte: aufstehen, essen, ein fester Termin am Tag. Die Struktur wächst mit, statt von Anfang an als starres Regelwerk dazustehen. Warum ein solcher Rahmen Halt gibt, beschreibt das Glossar unter Tagesstruktur.
Schule, Lernen und eigene Ziele
Schulische und berufliche Bildung haben einen festen Platz. Das heißt nicht, dass vom ersten Tag an ein voller Stundenplan gilt. Je nach Situation geht es um einen Wiedereinstieg, einen Schulwechsel, das Nachholen eines Abschlusses oder um Orientierung für eine Ausbildung. Wenn Schule seit längerer Zeit zur Hürde geworden ist zeigt der Ratgeber zur Schulverweigerung, welche Wege es gibt.
Ziele werden im Hilfeplan festgehalten und regelmäßig überprüft. Gute Ziele sind konkret und erreichbar: an drei Tagen pro Woche zur Schule gehen, selbst einen Arzttermin vereinbaren oder einen Streit besprechen, ohne dass er eskaliert. Der Jugendliche formuliert sie mit. Fortschritte und Schwierigkeiten werden in Entwicklungsberichten festgehalten, die in die Hilfeplangespräche einfließen. Im einzelnen kann sich die Richtung dabei ändern, und das ist in Ordnung.
So ist das Einzelsetting bei Wayve angelegt
Angeschubst ist ein Informationsprojekt der Wayve Jugendhilfe GmbH. Das stationäre Einzelsetting von Wayve ist so konzipiert:
- für Jugendliche von 14 bis 18 Jahren mit besonders hohem pädagogischem Unterstützungs- und Betreuungsbedarf,
- jeweils ein Jugendlicher pro Wohneinheit, mit eigenem Zimmer, gemeinsam genutzten Wohn- und Küchenbereichen und einem Zimmer für die Betreuungskraft,
- Betreuung im 1:1-Verhältnis durch staatlich anerkannte pädagogische Fachkräfte im Schichtsystem, rund um die Uhr, mit Nachtbereitschaft in der Wohneinheit,
- eine feste pädagogische Bezugsperson, die der Jugendliche zu Beginn auswählt,
- als Rechtsgrundlage § 34 SGB VIII in Verbindung mit § 35 SGB VIII.
Die Unterbringung erfolgt im Raum Bonn und Ahrweiler. Ob eine Hilfe über das 18. Lebensjahr hinaus fortgesetzt wird, prüft das Jugendamt im Einzelfall nach § 41 SGB VIII.
Passt ein Einzelsetting zur Situation?
Ein Fachgespräch mit Wayve klärt, ob der individuelle Rahmen zu einem Jugendlichen passen kann. Eine Zusage gibt es erst nach der gemeinsamen Prüfung des Einzelfalls.
Anfrage und Grenzen der Aufnahme
Die Anfrage stellt in der Regel das zuständige Jugendamt. Wayve prüft dann, ob das Setting zur Situation passt, stimmt sich mit der fallführenden Fachkraft ab und ermöglicht nach Möglichkeit ein Kennenlernen der Wohneinheit und der künftigen Bezugsperson. Über eine Aufnahme entscheiden Leitung und Geschäftsführung gemeinsam. Vor dieser Prüfung gibt es keine Zusage. Welche Informationen für ein erstes Fachgespräch hilfreich sind, steht auf der Seite Platzanfragen für Jugendämter.
Ein pädagogisches Einzelsetting hat Grenzen. Es ist nicht der richtige Ort, wenn vorrangig eine stationäre psychiatrische Behandlung nötig ist, bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung, die sich im pädagogischen Rahmen nicht sicher begleiten lässt, oder wenn dauerhaft eine spezialisierte medizinische Versorgung gebraucht wird. Das ist keine Ablehnung des jungen Menschen. Es ist eine ehrliche Einschätzung, wo er im Moment am besten aufgehoben ist, und im übrigen oft der Anfang einer Abstimmung darüber, was danach möglich wird.
Gut zu wissen
Häufige Fragen zum Einzelsetting
Ist ein Einzelsetting dasselbe wie ISE nach § 35?
Nicht ganz. Die ISE nach § 35 ist eine Hilfeart, die ambulant oder in Verbindung mit einem Wohnrahmen erbracht werden kann. Ein stationäres Einzelsetting ist ein Wohn- und Betreuungsrahmen, meist auf Grundlage von § 34, der die intensive Einzelbegleitung der ISE einschließen kann.
Ist der Jugendliche im Einzelsetting allein?
Er lebt ohne andere Jugendliche in der Wohneinheit, aber nicht ohne Menschen. Eine Fachkraft ist da, und Kontakte nach außen, zur Familie, zu Freunden, zur Schule und zu Vereinen, werden bewusst gefördert. Isolation wäre das Gegenteil des Ziels.
Wie lange dauert eine einzelpädagogische Maßnahme?
Die Hilfe ist in der Regel auf längere Zeit angelegt. Wie lange genau hängt von den Zielen im Hilfeplan ab. Oft ist das Einzelsetting ein Abschnitt, nach dem ein Übergang in eine weniger intensive Form oder in die Selbstständigkeit folgt.
Ersetzt das Einzelsetting eine Therapie?
Nein. Pädagogische Begleitung und Therapie sind verschiedene Dinge. Ist eine Therapie sinnvoll, kann sie parallel laufen, etwa ambulant in einer Praxis. Das Team unterstützt dabei, Termine wahrzunehmen.
Wer trägt die Kosten?
Die Kosten trägt in der Regel das zuständige Jugendamt im Rahmen der Hilfe zur Erziehung. Eltern können je nach Einkommen zu einem Kostenbeitrag herangezogen werden. Jugendliche müssen aus ihrem eigenen Einkommen keinen Beitrag leisten.
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